Das Buch ist ausgelesen und der Appetit (und das Wissen) nach einem Quarkkäulchen treibt mich um, treibt mich in die Küche, die vom Stern im Fenster rot erleuchtet ist. Das Quarkkäulchen schmeckt so, wie es damals in Fabians Küche roch (wahrscheinlich hat Frau Fabian oft Quarkkäulchen zubereitet?) und Erinnerungen überschwemmen. Fabians, das sind Menschen aus einem Leben, als ich noch Urgroßeltern hatte, die in Mansfeld einen Hof besaßen und der in Augen einer Siebenjährigen das Paradies auf Erden darzustellen vermochte: der verwucherte Obstgarten, der Grabegarten mit Schoten und Erdbeerreihen, die scheinbar nur für Kinder angelegt wurden, mit Stachel- und Johannisbeersträuchern und den noch viel besser schmeckenden Jochelbeeren. Da ist die Wipper, die hinterm Gartenzaun schlammfarben wütig dahinschoss und die kein Schritt zu nahe beobachtet wurde. Der Urgroßvater, der Freitagmittag am Tor stand und auf das Eintreffen der jungen Familie aus der ferneren Großstadt wartete, der die Welt zeigte und auf seine Weise erklärte und Besuche bei der Bäckerstochter arrangierte. Die Urgroßmutter, die einem bei Erkältungen Halswickel aus grauen Wollsocken versprach (die man fürchtete!), die einem “Heile, heile Segen” vorsang, mit gichtgekrümmten Fingern auf dem Schoß wiegend und schwor, dass man allen Schmerz durch Stürze bis zur Hochzeit vergessen haben wird. Da sind die Eltern, jung und frisch, die schaffend durchs Haus ziehen, Dächer mit Teer flicken, langem Rasen Struktur versuchen aufzuzwingen, die lachend am großen Kachelofen die schweren Federbetten wärmen. Katze Minka mit ihrem allwissendem Blick, mit nichts aus der Ruhe zu bringen. Das Familienschlafzimmer mit dem alten Linoliumfußboden und dem Rauschen der Wasserleitung in der Wand oder die Nächte auf der harten, kalten Ritze zwischen den mächtigen Betten der Urgroßeltern (keine Ahnung, wie man da hin gelangt ist!). Da ist die Schokolade in der Standuhr, die dem Urgroßvater beim Verteilen diebische Freude ins Gesicht zaubert, kleine Begrüßungsrituale. Das Klavier in der Kammer, von welcher sich eine Flügeltür in den großen Saal öffnen und das Geklimper dann durch den riesigen Raum hallen lässt. Die kleinen Brüder, die man quer übers Grundstück jagt, das Spielen in der schwarzen, glänzenden Schlacke, die Tafel an der Scheunenwand, das gemalte Haus vom Vater, ewig kopiert.
So viele Eindrücke, tief eingegraben, und noch so unzählige mehr. Hoffentlich unvergessen.
heraufbeschworen
5. Januar 2012 von anne


Guten Morgen, liebe Frau Wiesenpieper,
das sind wundervolle Puzzlestücke aus Ihrer Kindheit. Und die Zeit tröpfelte sicher nur aus der Standuhr.
Wie wunderschön!
Ja, damals tröpfelte die Zeit noch. Kein Vergleich zum heutigen Vorbeirauschen…